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Lesetipp Februar 2014: Der Ritter ohne Furcht und Adel

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Crossover sind ein zweischneidiges Schwert. Sie mögen auf den ersten Blick reizvoll wirken, bergen aber auch gewisse Gefahren. Nicht selten verlassen sich die Autoren nämlich auf die ausgefallene Figurenkonstellation, ohne die darin angelegten Möglichkeiten auszuschöpfen. Anstatt die Dynamik zwischen Figuren zu erforschen, die üblicherweise nichts miteinander zu tun haben, geraten solche Geschichten dann zu einem unmotivierten Schaulaufen beliebter Comic-Ikonen.
Diesen Vorwurf kann man dem zweiten Teil der Drachenland-Trilogie nun wirklich nicht machen. So hat die venezianische Autorin Caterina Mognato mit "Der Ritter ohne Furcht und Adel" ein Fantasy-Epos geschaffen, das den Akzent insbesondere auf die charakterlichen Gegensätze zwischen den Figuren legt. Verbildlicht wird dies auf prägnante Weise durch die Phiolen und Glaskolben auf dem Mond, in denen sich ebenjene Eigenschaften ansammeln, an denen es den Protagonisten der Story mangelt. Der Charakter der Figuren spiegelt sich dabei zum einen in ihren Interaktionen wider, die in humorvoller Manier scharfe Kontraste hervortreten lassen. Beispielhaft sei hier auf die Szene verwiesen, in welcher der gerissene Geizhals Dagobert auf den freigiebigen Naivling Goofy trifft. Zum anderen erhält er insofern dramaturgische Bedeutung, als es ausgerechnet Mickys Selbstlosigkeit ist, die den teuflischen Plan des Schwarzen Phantoms erst ermöglicht, sowie Donalds Ungeschicklichkeit, die ihn letztendlich scheitern lässt. Wenngleich manche Figuren daher relevanter für das Hauptgeschehen sind als andere, kommen auch die Nebenfiguren zu ihrem Recht. Selbst Randerscheinungen wie die Scarpa-Kreationen Kuno Knäul und Dolly Duck dürfen in einer Reihe von kleineren Szenen das in ihnen schlummernde Potenzial andeuten. Auf diese Weise gelingt es Mognato, die Welt von Drachenland zum Leben zu erwecken, wobei sie ihr ganzes erzählerisches Geschick beweist. Gekonnt lässt sie eine Vielzahl verschiedener Handlungsstränge nebeneinander herlaufen, von denen zumindest einige am Ende sogar miteinander verquickt werden.


Darüber hinaus besticht der Comic noch durch eine weitere Qualität: Einfallsreichtum. Anstatt den Leser mit wohlbekannten Fantasy-Klischees abzuspeisen, vermag er es, ihn ein ums andere Mal mit ausgefallenen Bildern und Motiven zu überraschen. Nicht immer entspringen diese freilich der Imagination der Autorin. So ist etwa die faszinierende Idee, dass auf dem Mond all jene Gegenstände landen, die auf der Erde verloren gehen, einer Episode des italienischen Versepos "Der rasende Roland" entnommen, welches zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Ludovico Ariosto verfasst wurde. Mognato kombiniert literarische Versatzstücke wie dieses mit eigenen Einfällen und kreiert auf diesem Wege ein abwechslungsreiches Setting, dessen mittelalterliches Flair gezielt von unkonventionellen und anachronistischen Elementen konterkariert wird. Unterstützt wird sie dabei von ihrem mittlerweile leider verstorbenen Ehemann Giuseppe Dalla Santa, der sich hier fraglos auf dem Höhepunkt seines Schaffens befindet. Bemerkenswert ist Dalla Santas Artwork in dieser Geschichte vor allem deshalb, weil es den klassischen Charme seines an Scarpa orientierten Zeichenstils mit einer stellenweise sehr freien Gestaltung der Seitenaufteilung vereint. Die gelegentliche Aufbrechung des regulären dreireihigen Layouts ist jedoch keinesfalls Selbstzweck, sondern dient vielmehr der Hervorhebung narrativer Höhe- und Wendepunkte und steht somit im Dienste der Dramaturgie. Ohnehin trägt die Panelanordnung entscheidend zum Erzählfluss bei, in dem sich ruhige Momente der Gleichzeitigkeit mit handlungs- und temporeichen Passagen abwechseln. Im Endeffekt verschmelzen die visuelle und die inhaltliche Komponente des Comics miteinander und ergeben ein stimmiges Gesamtbild.
Lange Rede, kurzer Sinn: "Der Ritter ohne Furcht und Adel" ist das Werk zweier sich wunderbar ergänzender Künstler, dessen Lektüre auch zwanzig Jahre nach seiner Entstehung noch lohnenswert ist. Wer überprüfen will, ob meine Lobhudeleien berechtigt sind, der greife entweder zum Lustigen Taschenbuch Nr. 203 oder zu dem erst kürzlich erschienenen sechsten Band der Nebenreihe "LTB Fantasy", welcher die komplette Drachenland-Trilogie enthält.



Zuletzt aktualisiert: 04.07.2016, 20:16
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